Bemerkung zu dem nachfolgenden Bericht:

Aufsatz des Heimatforschers Dr. Franz Schorn †, Weilerswist.

Thema "Vernich in alter Zeit - Aus der Geschichte der Klein-Vernicher Burg",

Kölnische Rundschau, Kreisausgabe Euskirchen, Nr. 10 vom 12.01.1957

 

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von

Frau Christel Schorn, Weilerswist.

 

 

Vernich in alter Zeit

Aus der Geschichte der Klein‑Vernicher Burg

 

Wer sich in den einschlägigen geschichtlichen Handbüchern über die Burg in Klein‑Vernich unterrichten will, wird enttäuscht. Selbst Clemen übergeht Klein‑Vernich. Lediglich in Dr. Welters Schrift "Die Wasserburg im Siedlungsgebiet der Oberen Erftlandschaft" findet man einen kurzen Abschnitt über ihre Geschichte. Es gibt mehrere Gründe für diese stiefmütterliche Behandlung: Erstens ist der rechtliche Status der Burg nach dem alten Lehnsrecht nicht eindeutig; zweitens bildet die Burg nur eine einteilige Anlage (ohne Vor‑ oder Wirtschaftsburg) und unterscheidet sich insofern äußerlich nicht von den zahlreichen anderen wasserumwehrten Höfen Vernichs; drittens hat diese "Kleine Burg" einen häufigen Besitzerwechsel zu verzeichnen. Es tauchen immer wieder neue Namen in den Quellen auf, und das bereitet der Forschung die meisten Schwierigkeiten Wir wollen 200 Jahre der Geschichte dieser Burg durchwandern, um dies näher zu erläutern.

Um das Jahr 1500 befand sich die Burg im Besitz von Jaspar Spies von Büllesheim. Als dessen Tochter Katharina im Jahre 1507 den Klas (Nikolaus) von Gürtzgen heiratete, überschrieb der Genannte ihr die Burg als Mitgift und bestimmte dabei, daß bei der Erbteilung nach seinem Tode Katharina bzw. ihre Leibeserben "Seß und Wohnung" in Klein‑Vernich mit allem Zubehör vorweg erhalten, den übrigen Nachlaß aber mit ihrer jüngeren Schwester Fritza Spies von Büllesheim zur Hälfte teilen sollte. Als Zeugen dieses Ehevertrages finden wir auf Seiten der Braut die Gebrüder Reinhard und Walraff Brent von Vernich als Verwandte, Gerhard von Boulich als Schwager, und auf Seiten des Bräutigams dessen Bruder Johann von Gürtzgen, der Vetter Heinrich Gürtzgen von Schwerfen, Dietrich Kolve, Herr von Vettelhoven, als Schwager sowie Dietrich von Mirbach und Thomas von der Broell als Freunde.

Diese Heirat scheint eine Heirat von Nachbarskindern gewesen zu sein; denn Klas und sein Bruder Johann von Gürtzgen, besaßen von ihrem Vater her den in der Nähe gelegenen Auelshof in Klein‑Vernich. 1507 gehörten beide Brüder der jülichschen Ritterschaft an. Nach der Wehrverfassung hatten sie zusammen drei Pferde zu stellen. Während Johann von Gürtzgen schon 1517 starb, lebte Klas noch 1533. Sein Name übertrug sich sogar auf die Burg, die nach seinem Tode seinem Sohne Werner zugefallen zu sein scheint. Dieser unterschrieb 1550 die kurkölnische Landesvereinigung.

 

( Handschriftlicher Zusatz von Dr. Schorn, - nach E. v. Oidtman, Mappe von Gürtzgen -)

 

Als Werner von Gürtzgen um 1559 starb, kam die Burg an seinen ältesten Sohn Daem (Damian), der sich vor 1574 mit Katharina Meyrath von Reifferscheid vermählte, aber schon zwölf Jahre später starb. Aus seiner Ehe gingen zwei Kinder hervor. Der Sohn Werner überlebte seine Mutter nicht. Auf einem Feldzug in Frankreich erlag er im Jahre 1592 in Dieppe der Ruhr. So wurde seine Schwester Katharina von Gürtzgen  Alleinerbin. Sie heiratete nach dem Tode ihrer Mutter im Jahre 1593 oder 1594 Johann Hocherbach (zu Vettweis) und brachte die Burg als Mitgift in diese Ehe ein.

In den nächsten Jahrzehnten ist es still um Burg Klein‑Vernich. Offenbar ist sie im Erbgang von Johann Hocherbachs Ehefrau auf den Sohn Bernhard übergegangen.

Dieser war vermählt mit Katharina von Kinzweiler, die ihm Müddersheim zubrachte. Da ihr Sohn Wilhelm Adolf von Hocherbach 1669 unvermählt starb, fiel der gesamte Besitz an dessen Schwester Anna Katharina, die 1655 Johann Heinrich von Hanxler, den späteren Amtmann von Düren, geheiratet hatte. Deren Sohn Philipp Heinrich starb ebenfalls unverheiratet, so daß wieder der weibliche Nachkomme Alleinerbe wurde; es war Anna  Katharina Agnes von Hanxler. Ihre Ehe mit Johann Emmerich Ernst von Kessel sollte der Tod bald trennen. Daraufhin faßten sie und ihre noch lebende Mutter den Plan, die von Hanxlerschen Güter, die zum Teil sehr verschuldet waren, zu verkaufen, doch ergaben sich Schwierigkeiten. Die Burg Klein‑Vernich war offenbar soweit heruntergekommen, daß der Jülicher Amtmann in Euskirchen ihre Rittersitzqualität anzweifelte. Doch findet die Witwe von Kessel in Peter von Berg schließlich einen Käufer, der die an Johann Pütz und Gertrud geb. Horrichem verpachtete Burg am 6. März 1704 erwarb. Aber schon ein halbes Jahr danach, am 27. Oktober, veräußerte dieser das gesamte Anwesen an Johann Hugo von Orsbeck, Erzbischof und Kurfürst von Trier, Herr zu Vernich und Burgherr in Groß‑Vernich, der mit diesem Erwerb zum größten Grundbesitzer in Vernich wurde.

Im Jahre 1705 zeichnete eine unbekannte Hand die beiden Vernicher Burgen des Kurfürsten. Auf dieser in Wildemanns neuaufgelegtem Buche über "Rheinische Wasserburgen", Seite 151, wiedergegebenen Zeichnung sehen wir eine kleine, vollständig in Eichenholzfachwerk errichtete und mit Türmchen bewehrte "Ackerburgen" mit einer ebenfalls aus Holz gefertigten Tor‑ und Zugbrückenanlage. Das Herrenhaus dieser Burg wurde einige Jahrzehnte später durch einen schlichten Bau aus Stein ersetzt, der ebenso wie die Wasserweiher noch vollständig erhalten ist.

Auf diesem Gang durch 200 Jahre Geschichte der Burg fällt auf, daß die Burgherrinnen und Burgfräulein fast alle den Vornamen Katharina trugen. Das dürfte kein Zufall sein. Die adeligen Burgbesitzer hatten nämlich in ihrer Pfarrkirche der alten, 1757 abgebrannten Weilerswister Kirche in einem Seitenchor vor dem St. Katharinen‑Altar ihre Grabstätte. St. Katharina erscheint also als Schutzpatronin der Klein Vernicher Burgherren, und dies ist wohl der Grund dafür, daß die Ritter sich Frauen mit ihrem Vornamen erwählten und auch ihren Töchtern vorzugsweise den Vornamen Katharina gaben. Wenn es noch weitere Zeichen für die Verbindung von St. Katharina und Klein‑Vernich gab, dann war, es das St. Katharinen‑Kreuz, das einst an der Stelle des heutigen Donatus‑Kreuzes am neuen Weilerswister Friedhof stand, wo der  Klein‑Vernicher "Lichweg" (Leichenweg) in den von Weilerswist nach Friesheim führenden Weg einmündete. Nicht von ungefähr dürfte der Künstler, der in den ersten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts die Vernicher Altarbilder schuf, St. Katharina bei der Darstellung der vier von den vierzehn Nothelfern ausgewählt und St. Nikolaus, dem Patron der früheren Groß‑Vernicher Kapelle, zur Seite gestellt haben.

 

Dr. Fr. Schorn

 

Die Wasserburg Klein-Vernich (Gürtzgen-Burg) nach

einer Silberstift Zeichnung um 1450.